Traditionelles Treffen diente dem Austausch zu aktuellen Themen
Seit heute schmückt wieder eine prachtvolle Erntekrone den Großen Sitzungssaal des Kreishauses in Brake. Von den Ortslandvolkverbänden Altenesch, Bardewisch und Hekeln gebunden, symbolisiert sie den Kreislauf der Natur und die Dankbarkeit für die erzielte Ernte. Landrat Stephan Siefken nahm zusammen mit dem Ersten Kreisrat, Matthias Wenholt, die Erntekrone entgegen. Traditionell wird die Überreichung vom Kreislandvolkverband, den Kreislandfrauen und der Verwaltungsspitze genutzt, um über aktuelle Landkreis-Themen zu diskutieren.
Gute Qualität – aber wirtschaftlich dunkle Wolken
Der Vorsitzende des Kreislandvolkverbandes, Dr. Karsten Padeken, zog eine bislang insgesamt positive Bilanz des Erntejahres. Einfach habe es die Natur den Betrieben allerdings nicht gemacht. Nach einem langen Winter und einem kühlen Frühjahr sei das Wachstum erst spät in Schwung gekommen. Ab Juli habe sich dann zunehmend Trockenstress bemerkbar gemacht. Dennoch sei die Wesermarsch vergleichsweise gut durch diese Phasen gekommen. Die stark vom Grünland geprägte Region profitiere von ihrer Bodenbeschaffenheit und ihrer geografischen Lage. Das Ergebnis könne sich sehen lassen: Die bisher eingefahrene Ernte zeichne sich durch besonders gute Qualität aus.
Das gelte auch für den Mais. Dessen Ernte steht in der Wesermarsch unmittelbar bevor. Padeken richtete deshalb schon jetzt eine Bitte an alle Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer: Wo in den kommenden Wochen schwere landwirtschaftliche Maschinen auf den Straßen unterwegs sind, seien Rücksicht und etwas Geduld gefragt. Für die Betriebe bedeuten volle Straßen in diesen Wochen vor allem eines: Die Ernte muss eingebracht werden, wenn Wetter und Reifegrad das richtige Zeitfenster öffnen.
Während die Qualität der Ernte Anlass zur Zufriedenheit gibt, ziehen wirtschaftlich jedoch einige dunkle Wolken auf. Vor allem die dramatisch gestiegenen Treibstoffkosten belasten die landwirtschaftlichen Betriebe. Gleichzeitig liegen die Milchpreise nach Angaben Padekens auf einem Niveau, bei dem die Produktionskosten nicht vollständig gedeckt werden können. Einige Betriebe gerieten dadurch bereits in Liquiditätsschwierigkeiten.
Mit Sorge blickt die Landwirtschaft zudem auf Tierkrankheiten, die sich derzeit im Nordwesten ausbreiten. Dazu gehört das Shamonda-Virus, das Rinder betrifft. Die Erkrankung könne Durchfall und hohes Fieber verursachen. Besonders schwer wiege für Milchviehbetriebe der Einbruch der Milchleistung: Im Durchschnitt gehe sie bei einer betroffenen Kuh um rund zwölf Liter zurück.
Erntekrone als Anlass für den Blick über den Acker hinaus
Die Übergabe der Erntekrone ist traditionell nicht nur Rückblick auf das landwirtschaftliche Jahr. Sie öffnet zugleich den Blick auf Themen, die Landwirtschaft und Region langfristig prägen. Landrat Stephan Siefken stellte in diesem Jahr drei davon besonders heraus: die medizinische Versorgung in der Wesermarsch, den Transformationsprozess Ipweger Moor – TIMo – und den Umgang mit dem Wolf.
Bei der medizinischen Versorgung habe sich innerhalb eines Jahres viel verändert. Noch bei der Übergabe der Erntekrone 2025 hatten insbesondere die Landfrauen ihre Sorge um die Frauenheilkunde und die medizinische Versorgung insgesamt deutlich gemacht. Nach der kurzfristigen Schließung des St. Bernhard-Hospitals führten Landkreis und weitere Beteiligte intensive Gespräche unter anderem mit dem Gesundheitsministerium, Helios und der Stiftung St. Bernhard. Mit der Helios Klinik Wesermarsch gebe es nun einen Partner, der die medizinische Versorgung nicht an einzelnen Standorten festmache, sondern als Gesamtkonzept für die Wesermarsch denke. Stationäre und ambulante Angebote sollen miteinander verzahnt werden. Ein für viele Familien besonders wichtiges Signal sei die Absicht von Helios, die Geburtshilfe in Nordenham wieder aufzunehmen. Die medizinische Versorgung bleibe eine Daueraufgabe, betonte Siefken. Gegenüber der Situation vor einem Jahr sei die Region jedoch einen entscheidenden Schritt weiter.
TIMo: Aus unterschiedlichen Interessen ein gemeinsames Projekt formen
Eine zentrale Zukunftsaufgabe liegt für Landwirtschaft und Landkreis im Ipweger Moor. Das Projekt TIMo soll Interessen zusammenführen, die in öffentlichen Debatten schnell als Gegensätze erscheinen: Klimaschutz und Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und Naturschutz sowie öffentliche Ziele und die wirtschaftliche Existenz der Betriebe.
Für Siefken ist dabei entscheidend, Veränderungen nicht über die Köpfe der Menschen hinweg zu organisieren. Eigentümer und Nutzer müssten ebenso beteiligt werden wie das Landvolk und weitere Akteure. Gefragt seien Lösungen, die nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich tragen. Der Runde Tisch Moorentwicklung bilde dafür das strategische Fundament und die Flurbereinigung das geeignete operative Instrument.
Der Bund hat den Antrag mit einem Volumen von rund 160 Millionen Euro als förderfähig eingestuft. Damit eröffnet sich für die Wesermarsch eine Perspektive in einer Größenordnung, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Das Ziel müsse dabei klar bleiben: Landwirtschaftlichen Betrieben müsse auch unter veränderten Bedingungen eine Zukunft ermöglicht werden. Das breite Bündnis hinter TIMo – unter anderem mit Kreislandvolk, Wasser- und Bodenverbänden, Landwirtschaftskammer und Grünlandzentrum – sei dafür eine wichtige Grundlage.
Weidetierhaltung braucht Schutz
Wo Landwirtschaft in der Wesermarsch eine Zukunft haben soll, führt aus Sicht des Landrats auch am Thema Wolf kein Weg vorbei. Siefken bekräftigte die Position, dass vorhandene rechtliche Handlungsspielräume ausgeschöpft werden müssten. Wo Wölfe Weidetiere gefährdeten, müssten Vergrämung und Abschüsse konsequent möglich sein.
Gerade in der Wesermarsch sei Weidetierhaltung mehr als eine Form der Tierhaltung. Sie gehöre zum Gesicht der Region. Auf den Deichen leisten insbesondere Schafe zugleich einen wichtigen Beitrag zum Küstenschutz. Wer diese Form der Landwirtschaft erhalten wolle, dürfe die Tierhalter mit der Wolfsproblematik nicht alleinlassen. Nach Gesprächen mit dem Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium zeigte sich Siefken zuversichtlicher als noch in den vergangenen Jahren, dass künftig praxistauglichere rechtliche Instrumente zur Verfügung stehen.
Landwirtschaft, so Siefken, sei für die Wesermarsch nicht nur ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Sie schaffe Einkommen und regionale Wertschöpfung, präge die Landschaft und sei zugleich fest im gesellschaftlichen Leben der Dörfer verwurzelt. „Landwirtinnen und Landwirte, Landfrauen und Landjugend engagieren sich auf vielfältige Weise und tragen zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei, das verdient Dank und Wertschätzung“, so Siefken.
Fotos: Wesermarsch/Meister
Die Erntekrone schmückt den Großen Sitzungssaal im Kreishaus. Gebunden wurde sie von Aktiven der Ortslandvolkverbände in Altensch, Bardewisch und Hekeln.
Traditionell wird die Überreichung der Erntekrone genutzt, um miteinander zu aktuellen Themen ins Gespräch zu kommen.
Mit vereinten Kräften wurde die Erntekrone an einer stabilen Vorrichtung befestigt.



